2010 – tonusträchtig von S. Neuhaus

13.06.2010                                                                                      Haimo Hieronymus

Zur Ausstellungseröffnung von Stephanie Neuhaus

Tonusträchtig – wörtlich übertragen könnte diese Ausstellung spannungsgeladen heißen. Einer Körperspannung entspringen manchmal unwillkürliche Reflexe, entspringen Übersprunghandlungen, die nicht kontrollierbar sind, ist etwas spannungsgeladen, dann passiert etwas. Diese Spannung bezieht sich in den Arbeiten von Stephanie Neuhaus auf verschiedene Aspekte. Die möchten erläutert sein.

Zunächst sollte der Anlass der Ausstellung genannt werden. Bevor die Künstlerin am 1.4.2010 als Mitglied in den Bogen aufgenommen wurde, hatte sie ein Jahr lang das Atelierstipendium des Bogens inne, hatte die Möglichkeit sich in einem eigenen Raum auszutoben, ihre Ideen zu realisieren, meist völlig ungestört, dies war mit einer abschließenden Ausstellung verknüpft worden, die Sie jetzt hier sehen. Für uns war es nicht abzusehen, wohin die künstlerische Reise führen würde. Jetzt sehen wir die Ergebnisse.

Ich hoffe, wir finden auch dieses Mal einen Sponsor, der einem jungen Künstler, einer jungen Künstlerin ein Jahr lang die Möglichkeit gibt hier im Bogen zu arbeiten.

Ein weiterer Punkt für die Ausstellung ist hiermit quasi schon gegeben, denn wir stellen Stephanie Neuhaus als neues Bogenmitglied der Öffentlichkeit vor. Es ist schon erstaunlich, dass im Bogen Künstler zwischen 21 und 67 Jahren zusammen arbeiten und auf Augenhöhe mit einander kommunizieren und Ideen entwickeln. Der Bogen ist mit dreißig Jahren immer wieder frisch.

Tonus im Speziellen ist die Körper- oder Muskelspannung,  Stephanie Neuhaus hat eben diese im vergangenen Jahr immer wieder betrachtet, untersucht und künstlerisch befragt, mit Pinsel und Farbe, Zink und Radiernadel, Zeichenkohle und Graphitstift, mit Messer und Linoleum, mit Spachtel und Gips, hat Materialien ausprobiert, hat gehadert und manches Mal konnte man einen spitzen oder verzweifelten Ausruf hören, oft aber die ruhigen Gespräche mit ihr genießen, sachbezogen, manchmal fragend, die ernsthafte Auseinandersetzung erleben, wenn sie mit gipsverschmiertem Gesicht trotz aller Fehlversuche verschmitzt und offen lächelt. Und natürlich das glückliche Gesicht, wenn dann endlich etwas fertig ist.

In Schillers Briefen zur Ästhetik heißt es: „Das Angenehme vergnügt bloß die Sinne und unterscheidet sich darin vom guten, welches bloß der Vernunft gefällt. Es gefällt durch seine Materie, denn nur der Stoff kann den Sinn reizen, und alles, was Form ist, nur der Vernunft gefallen. […]Das Gute wird gedacht, das Schöne betrachtet, das Angenehme bloß gefühlt.“

Stephanie Neuhaus arbeitet sich an ihren Bildwerken im wahrsten Sinne ab, sucht die nächste und übernächste Möglichkeit. Sucht das nächste Medium, einen Gedanken zu fassen und wird darin nicht müde. Nicht die Perfektion zählt hier, sondern der Gedanke selbst. Und genau dann wird es auch zwingend, wenn etwa mit Lack auf Teichfolie gearbeitet wird. Sie möchte, dass ihre Bilder eine Überzeugtheit und Aufrichtigkeit anstreben, die sie vielleicht selbst als Künstlerin gar nicht so empfindet, jedenfalls nicht kontinuierlich. Möchte, dass sie in Beziehung zur Welt stehen, dass ihnen das Wissen, wie die Welt funktioniert, eigen ist, dass sie sich aber dennoch optimistische Aussagekraft  bewahren.

Sie untersucht das Inkarnat der Haut, das Spiel von Licht und Schatten auf Körpern und sucht die Verbindungen zwischen Raum und Körperhaftigkeit. Zwischen surreal anmutenden Aspekten und auf den ersten Blick fast völlig abstrakt erscheinenden Bildfindungen entwirft sie ein Panoptikum des Sehens, immer wieder eigenartig, befremdlich und trotzdem nicht entrückt. Immer an die reale Erscheinung gebunden

Das Buch Schattenfluss etwa befreit die Betrachtung der Körperoberfläche vom Raum, bewertet sie als rein ästhetisches Phänomen von Proportionen, Hell und Dunkel und Rhythmen.

Ihre Gemälde scheinen die tatsächlichen oder möglichen Bewegungen von Körpern einfangen zu wollen, und können bisweilen selbstverliebt, fast orgiastisch zu Körperhäufungen finden, jenseits aller Individualität, die als Stellungnahmen zur Gesellschaft erscheinen, sie ergründen die Tiefe in der zweiten Dimension. Karl Hosse schreibt in einem seiner Malbücher dazu folgendes:

 „Weiß nicht,

auf Augenblick.

Es wimmelt.

Da sind Wesen,

die diese erotische Form bedecken,

unkontrolliert.

Wie Gedanken.

Geheimnisversuchung.“

Ihre Objekte dagegen nehmen sich farblich völlig zurück, auf weiß oder gold reduziert, die kreatürliche Assoziationen wecken, amöbenhafte Wesen, festgehalten in einem Moment der Ballung. Körperliche Beziehungen als Fragezeichen für den Betrachter. Man hat ihr die Hand gegeben und kurz angehalten in diesen Vertiefungen der Hände. Schatten, ja. Man will sie fühlen und anfassen, will die Glätte, die gedachte Kühle der Oberfläche selbst erleben. Was von den Händen bleibt, diesen Denkwerkzeugen des Künstlers. Umkehrungen des Raums, als Handreichungen.  Das Erfundene kann nicht an der Wirklichkeit gemessen werden, die Wahrscheinlichkeit, dass es stimmt, ist damit größer. Die Wirklichkeit ist nicht übertragbar, denn sie ist plastisch, dynamisch. Und auch dialektisch. Es kann mehr wie ein Fingerabdruck sein, der alles enthüllt, was man weiß. Und diese Enthüllung kann bewusst oder unbewusst sein. Manchmal jagt man ihr hinterher, und manchmal umgekehrt.

Stephanies Arbeiten fordern, sind längst nicht am Ende angekommen, müssen vom Betrachter weiter gedacht, damit bearbeitet werden, Sie, meine Damen und Herren, sollten sich dieser Herausforderung stellen.