2012 weiter auf Holzwegen

Weiter auf dem Holzweg

Das Wort Holzweg verknüpft sich für mich direkt mit einem zweiten Wort aus der Kindheit: gestrichenes Taschengeld. Als mir das zum ersten Mal gesagt wurde, dachte ich wirklich, das sei nicht so schlimm, fünfzig Pfennig kann man schließlich auch ganz bequem von Farbe säubern. Genauso ging es mir mit dem Holzweg, bis ich begriffen hatte, dass er metaphorische Bedeutung hat und eben nicht aus Holz ist, musste ich erst meine kindliche Naivität ablegen.

Wörter haben die unangenehme Eigenschaft, Bedeutungen und Vorstellungen, ja sogar Bilder  zu erzeugen. Aus diesem Grund möchte ich heute Abend vor allem auf das Wort eingehen und dann werden Sie verstehen, was dies mit Sebastian Betz´ Arbeit zu tun hat.

Mindestens drei Bedeutungen kenne ich: Ein Weg aus Holz, ein Wirtschaftsweg und letztlich ein Irrweg. All dies steckt angelegt in sieben Buchstaben.

Der Weg aus Holz, lässt uns an einen Steg, eine Brücke über ein Gewässer denken, vielleicht auch den mit Parkett ausgelegten Flur, in dem man als Kind gerne Rutschpartien auf selbst gestrickten Socken gemacht hat. Der hölzerne Weg gewährt Schutz und gibt ein sicheres Geleit. Leider ist diese Bedeutung meistens nicht gemeint, sondern fast jeder denkt ohne nachzudenken an einen Irrweg, Fehlweg, eine Sackgasse im Handeln. Und so dumm wird ja wohl niemand sein, seine eigene Kunst als Irrweg zu bezeichnen. Anders müsste man vielleicht sagen, es gehört viel Mut dazu zuzugeben, dass man einem Irrweg aufgesessen ist, dass man künstlerisch in die Irre gelaufen ist. Wer sich über Jahre und Jahrzehnte immer nur auf die gleichen Teile in seiner Arbeit stützt, der wird vielleicht immer an den gleichen Erfolg anknüpfen, denn applaudiert wird immer. Der hat sich jedoch letztlich in eine Sackgasse begeben, er hat nicht  verstanden, dass dieser bequeme Weg nur ins hübsche Nichts führt.

Begreife ich den Irrweg also als Denkweg , so muss ich an bestimmten unvorhersehbaren Gabelungen und Kreuzungen den Mut finden, einen neuen Weg einzuschlagen. Nicht, weil das vorher Gemachte grundsätzlich schlecht war, es kann sogar richtig gut gewesen sein, aber es reicht eben nicht aus, immer das Gleiche zu wiederholen, wenn man weitere und neue Aspekte der Welt erschließen möchte. Und Kunst ist mehr als das Hübsche, sie entwirft einerseits die Schönheit der Welt neu, befragt sie und dies kommt andererseits aus der intensiven Auseinandersetzung mit ihr, mit dem Inneren des Menschen wie dem Äußeren seiner Umwelt. So wird der Holzweg zum Weg der Eingeweihten. Der Nichtwisser wird in die Irre laufen, die ästhetische Sackgasse, der Wissende kann ihn nutzen, um, und hier sind wir beim Wirtschaftsweg, ihn als Transportweg seiner Ideen und Materialien zu nutzen. Dann nämlich kann künstlerisches Schaffen zur Kunst führen, wenn der Schaffende sich immer wieder neu auf die Welt einzulassen vermag.

In Neheim gibt es einen Alten Holzweg, eine Straße die in diesem Sinne bezeichnend ist. Sie beginnt an einer Kirche, führt an Wohnhäusern vorbei, früher gab es hier einen  Tante Emma – Eckladen und eine Fleischerei, einige Handwerksbetriebe und Kleinindustrie, eine sogenannte Mischnutzung, die letztlich eine ganze Stadt abbildet. Die Straße führt weiter zu einer Waldarbeiterschule und endet im Wald. Von dort aus kann ich nach Hüsten, nach Moosfelde oder auch zum Möhnesee kommen, wenn ich weiß, wo ich abbiegen muss. Dieser Alte Holzweg kommt aus der Natur, einem besonderen Wirtschaftsraum und führt geradewegs ins Herz der Stadt, vorbei an Bildung, Wohnung, Arbeit und Glauben, ist eine Verbindung zwischen diesen. Niemand, der diese Straße kennt, würde von einem Irrweg reden.

Der Holzweg ist ein Weg des Wissenden, des Reflektierenden, der aus seinem Wissen neue Wege gehen kann.

Und hier sind wir plötzlich bei Sebastian Betz angekommen. Sehen sie sich um, betrachten sie die Arbeiten. Sie werden feststellen, dass er auf seinem Holzweg immer wieder den Mut hat, neue Abzweigungen zu suchen und zu gehen. Dass er dem Wesen des Holzweges aufspürt und daraus eine eigene und immer wieder neue Ästhetik erzeugt. Eigene tiefe Schönheit, die man sich erschließen muss, die allerdings immer neue Sensationen und Erkenntnisse bereithält.

Holz ist ein Material, das dem Menschen sehr nahe steht. Es wächst selbständig in relativ kurzer Zeit. Ein Obstbaum hat selten eine längere Lebenszeit, als der Mensch selber, Eichen und Buchen wachsen selten mehr als dreihundert Jahre. Bäume strecken die Äste der Sonne entgegen und wiegen sich in Freiheit, sie sind allerdings fest verwurzelt. Wie Menschen nur dann frei sein können, wenn die irgendwo, in einem Gedanken, einer Ideologie, in einem Glauben, einer Familie oder einem Ort verwurzelt sind. Anders als der Stein, der millionen von Jahren beherbergt, zeigt das Holz unsere Gegenwart und nähere Vergangenheit. Anders als das Metall, das erst von Menschen geschaffen werden muss, hat das Holz erst auf den zweiten Blick Glätte, es verbirgt eine Geschichte des Wachsens. Dem aufzuspüren, ist Sebastian Betz Arbeit gewidmet.   

Holz fordert Berührung und gibt eine eigene Wärme, die mich ausfüllen kann.  Eben hier setzt Sebastian Betz´ Arbeit an. Er spürt dem Wesen des Materials nach und befragt es immer wieder anders, auf das einzelne Stück, den Block bezogen. Da bleiben Dinge stehen, dort wird ein Bruch in der Maserung zu einer Brücke des Denkens und Handelns. 

Ich würde mir wünschen, wenn mehr Künstler diesen Mut aufbringen würden, sich so völlig auf ein Material einzulassen, das Überraschungen bereithält, auf die man reagieren muss. Ich würde mir wünschen, dass Künstler den Mut haben, das Schöne dem Hässlichen gegenüberzusetzen und trotzdem gerade hierin die Einheit entdecken.

In dem Roman „die blaue Kuppel der Erinnerung“ von Lars Christensen schreibt dieser „…und ich begriff etwas am Ende dieser anstrengenden Gedankenkette, dass man, um etwas zu erreichen, etwas ganz anderes tun muss, das meiste in der Welt, das ist nur Mittel zum Zweck, beispielsweise Zensuren, Schlaf, Flaschenpfand, Lebensversicherungen, Lebertran, Höflichkeit und Regenschirme, aber was für den einen nur Mittel ist, das ist für den anderen das Ziel, und um ein Ziel zu erreichen, das also ebenso gut auch nur ein Mittel sein kann, muss man lange und fragwürdige Umwege gehen, manchmal so lange, dass man sich fast verläuft und vergisst, wohin man will.“

Fühlen sie sich von den Arbeiten eingeladen zu sehen, zu spüren und zu reflektieren. Fühlen sie sich eingeladen ihren eigenen Holzweg zu suchen. Nehmen Sie sich ihren eigenen Holzweg mit nach Hause.