2009 – Wataridori – Wurzeln im Wind – Bas und Nagai

Wataridori

Wurzeln im Wind

Zugvögel haben ihre Wurzeln im Wind; nicht nur unsere künstlerischen Gäste sind als Zugvögel zu sehen, sondern auch ihre Bilder, die nicht haltmachen wollen an einer Kreuzungsstelle des Sehens, sondern die unsere Blicke mitnehmen auf eine wechselhafte Reise.

Sumiyo Nagai sucht sich den Zufallsblick, aus dem Zufälligen wird eine konkrete Fragestellung an den Betrachter…plötzlich ist dieses aus den Augenwinkeln gerade noch Gesehene eine materielle Wahrheit.

Gleb Bas findet in seinen ans Vexierbild anmutenden Bildkompositionen ein eigenes Mittel uns den Standpunkt immer wieder neu suchen zu lassen. Die Bilderflut der Generation Zapp stellt er in Frage, zeigt Auswege aus der entstehenden Bilderkrise.

 

Wurzeln im Wind

 

Wanderer haben neue Blicke, wie Gleb sagte, sie hegen Zweifel an den eingefahrenen Sichtweisen, denn sie kennen die Traditionen nicht immer oder kennen die Abwege. Sich mit diesen Recht auf den unverstellten Blick eine eigene Perspektive zur Realität zu erarbeiten und zu erhalten, auch wenn dies paradox klingt. Künstler wie Sumiyo Nagai und Gleb Bas zeigen ein unverbrauchtes Jetzt, nutzen dafür traditionelle Malerei. Das Spiel ist zunächst auf die Oberfläche des unreflektierten Seins bezogen und deckt doch Zustände und Befindlichkeiten unserer Gesellschaft auf. Beide nutzen ihre alltäglichen Erfahrungen einer stets präsenten, doch scheinbaren Allansichtigkeit der Dinge in den Medien. Je mehr aber die Wertigkeit des digitalen Bildes sinkt, je weiter die Welt mit unseren verschossenen Fotos bombardiert wird, desto mehr lernen wir durch die Langsamkeit des Malens einen Wert der Betrachtung kennen. Die Flüchtigkeit erhält hier eine Bedeutung, das Flüchtige wird fixiert und damit aus der Zeitläufigkeit genommen. Die Perspektive wird so personalisiert. Denn man kann wohl sagen, dass die Malerei etwas anderes ist, als künstlerisch ein Ebenbild umarmen zu suchen. Die Greifbarkeit der Motivwelt dieser Künstler wird somit durch die Bilder befragt.

So wie Narziss unentwegt an der Realität der Spiegelung, diesem Nichtfassenkönnen leidet, arbeiten sich Sumiyo Nagai und Gleb Bas malerisch an die Spiegelung heran, greifen selbstverständlich in die Oberfläche und verstören unbefangen ihr Abbild. Nichts ist fassbar und doch da.

In den Liebesdialogen des Speroni fragt sich die Kurtisane Tullia von Aragon, warum die Liebenden stets zerrissen sind zwischen den Begehren zu sehen und dem Begehren zu berühren, warum sie während der innigen Umarmung auf einmal zurückweichen und innehalten, um sich sehen zu können, und warum sie dann, kaum haben sie sich gesehen, fortfahren sich zu umarmen und sich dicht aneinanderpressen. Ähnlich scheint es sich in dieser Malerei zu begeben. Die Künstler sehen, berühren mit dem Pinsel und dem Farbauftrag um im nächsten Moment fast erschrocken über diese Spiegelung wieder in Betrachtung zu verfallen, erschreckt, aber wissend und lustvoll. Sie verstehen sich als urbane Zeitzeugen einer gesellschaftlichen Realität wie inneren Befindlichkeit.

Diese Welt hinter den Bildern gerät zum Angelpunkt, der unsere Fantasie schweifen, manchmal abschweifen und die Bilder erweitern lässt. Durchdringung der Zugvögel unserer Gedanken – Wataridori Wurzeln im Wind                    Haimo Hieronymus