2010 – Arbeiten – Aziz Raza

Aziz Raza – In der Tiefe des Augenblicks die Seele finden

Bilder sollen für sich wirken, sollen dem Betrachter Zeit gewähren, sich auf sie einzulassen. Da benötigt es selbstredend keines Textes. Nur manchmal entdeckt man nicht alles, egal wie lange man darüber nachdenkt. Dann hilft es, sich Notizen zu machen, Stichpunkte, die zusammengefügt plötzlich einen weitergehenden Sinn entstehen lassen, neben der Erwartung.

So sollte eigentlich auch über die Arbeiten von Aziz Raza nicht geschrieben werden. Eigenständig stehen sie im Raum unserer Betrachtung und führen uns zu einer kontemplativen Versenkung. Idyllenlandschaften. Urlaubsidyllen. Romantische Verklärungen der Welt.  Das erstaunt auf den ersten Blick. Passt nicht in unser Leben. Einprägsame Blicke auf eine schöne Welt. Das trifft es vielleicht genauer. Muss weiter eingegrenzt werden. Dieses positive Herangehen an unser Welterleben ist es, das uns zunächst etwas verschreckt. Doch die Einfachheit des ersten Eindrucks verschiebt sich nach und nach zu einer kenntnisreich vermuteten Kompositions- und Denktiefe.

Aziz Raza nutzt verschiedene Aspekte, die durchschaut werden müssen. Er weiß um die Kunstgeschichte, vermengt Aspekte von impressionistischen und expressionistischen Bildanschauungen und setzt diese grundsätzlich romantischen, manchmal sogar jugendstilartigen Kompositionsmechanismen gegenüber. Zuweilen erscheinen die Stücke als fast monochrome Farbverläufe (eigentlich unglaublich, wie viel Valeurismus in der Enkaustik möglich ist), mal werden die Flächen stark abgegrenzt gegeneinander gesetzt. Vielfarbig, fast ins Bunte kippend. Niemals zu einem undefinierbaren Teig, sondern sehr pointiert. Er weiß, wie die Bildflächen gebaut werden müssen, weiß um die Farbwirkungen und setzt diese gekonnt ein. Der bewusste Einsatz einer alten und seltenen Maltechnik, der Enkaustik, gibt seinen Farben eine sehr eigenwillige Lichtführung, lässt sie strahlen, gibt ihnen ein Licht, das keine andere Farbe erzeugen kann. Man hat das Gefühl, als seien sie selber Lichtquelle. Nicht zuletzt wegen dieses Eindrucks hat sich Aziz Raza sehr intensiv mit den Möglichkeiten der Enkaustik und Harzölmalerei beschäftigt und diverse Rezepte entwickelt. Trotz all dieser Verweise in die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge (die Enkaustik wurde bereits vor über fünftausend Jahren verwendet) stehen die Arbeiten im Jetzt, als Kommentare und Ruhepole einer immer lauter und schneller werdenden Zeit. Momentaufnahmen mit Gültigkeitsanspruch. Aziz Raza gibt dem Betrachter durch Darlegung eines Moments Zeit, die an anderer Stelle viel zu häufig durch Hektik und breit ausgespielte Weltläufigkeit genommen wird. Dem großen Verlust von Bildwirkung durch Masse steht hier das nackte Sehen und Wirken gegenüber.

Ohne Fotografie wären seine Enkaustikmalereien undenkbar, doch gehen sie darüber hinaus. Sie nutzen zum Teil verschmitzt beiläufig die Schnappschussästhetik von Weitwinkelobjektiven und führen den Blick dann doch sehr gezielt in eine sehnsüchtige Ferne. Irritation und Insichgehen werden zur Einheit. Das sind letztlich keine physischen Zustände von Welt, Ding und Sein mehr. Denn wo die Kamera nur die Oberfläche festhalten kann, dort dringt diese Malerei in die Seele ein. Das sind psychische Gesetzmäßigkeiten, die wie reine Medikation des Inneren wirken. Die Wesenheit der Dinge wird uns hier vor Augen geführt, wir müssen in diese Bilder steigen, Ruhe an ihnen finden und die Seele baumeln lassen.