2011 – Was ist? und Triptychon – Werner Cee und Ulrich Johannes Müller

Was ist  und Triptychon,

zwei Namen für eine Ausstellung, Doppelausstellung von Ulrich Johannes Müller und Werner Cee, Klangkünstler und Komponist im weitesten Sinne.

Der Versuch muss gewagt werden von der Betrachtung des Einzelnen zum Gemeinsamen zu gelangen, dazu möchte ich mit Ulrich Müller beginnen. Im Jahr 2007 haben Müller, Meilchen, Hosse und ich in Arnsberg vor einem Lokal am Steinweg zusammen gesessen, haben ein Glas Bier oder  wahlweise Wein, ein Essen gemeinsam genossen. Die drei anderen kannten sich von früher, mir war Uli eigentlich nur von den Gesprächen bekannt, die wir auf verschiedenen Partys des Arnsberger Kunstsommers geführt hatten. In gegenseitigem Respekt und aufrichtig. 2007 beschlossen wir, dass Ulrich im Bogen ausstellen solle, nach gut 25 Jahren wieder. Die Situationen, die Kunst haben sich verändert, nicht die gegenseitige Sympathie.

Im Mai dieses Jahres bin ich zu Uli nach la Spezia gefahren, die Ausstellung hatten wir endlich klar gemacht, auf Oktober datiert, mit einem großen Anhänger ausgerüstet sollten die ersten Arbeiten abgeholt werden. Fünf unvergessliche Tage voller Gespräche. Voller Ruhe und Schweigen folgten, tiefe Einsichten in Müllers Denken, seine Auseinandersetzung mit dem Jetzt, mit anderen Künstlern auf Bildhauersymposien auf der ganzen Welt. Er lernt viele verrückte Hunde kennen, sagt er in tiefer Anerkennung der Leistung von anderen. Sie kommunizieren, leben und arbeiten für einige Wochen zusammen, sie lassen ihre Arbeiten vor Ort, setzen Marken, dort wo sie sich treffen, schaffen manchmal magische Orte, kommentieren die Situation einer Stadt, eines Landes und halten den Spiegel vor. Nicht als banale Kritiker, sondern als intelligente Fragensteller. Manchmal werden diese Fragen erst nach Monaten entdeckt, wenn die Anwohner verstehen, dass sie thematisiert sind, ohne plakativ gebranntmarkt zu werden. Ulrich Müller kann von diesen Erlebnissen erzählen und manchmal kommt man sich dann wie ein kindlicher Zuhörer vor, der die Geschichten und Erlebnisse in sich aufsaugt. Niemals wird dabei dick aufgetragen, das passt einfach nicht zu ihm.

Dann die Gespräche über  seine Kunst an sich. Da ist der Stein, das Stück Holz. Nicht die Frage was ist, sondern die Aussage. Da ist ein Gedanke, von diesen Materialien ausgelöst, von der Begeisterung für die Schönheit eines Steinbrockens, für die hundertjährige individuell gewachsene Masse eines Holzstücks. Behutsam geht Müller mit diesen Fundstücken um. Er könnte auch die perfekt geschnittenen Marmorblöcke aus seiner Nachbarschaft, aus Carrara nehmen. Nein, er lässt die Stücke ihn finden. Wie ein Bursche auf Wanderschaft, dessen Stenz zu ihm kommt, drängen sich die Materialien ihm auf, wollen bearbeitet werden und finden in Müller ihre Bestätigung. Er erkennt die Maßsysteme, in ihnen, die immer etwas abseits von den menschlichen liegen und trotzdem in ihrer entstehenden Gegenständlichkeit auf diese verweisen. So entsteht eine ruhige Befragung unserer Seh- und Nutzgewohnheiten. Fern ab von esoterischem Gehaspel, das er verabscheut, entwickelt Müller Meditationen in Stein und Holz. Er muss nicht die archaischen Figuren wiederholen oder nachahmen. Müller entwickelt seine eigene Archaik. Die Formen sind einfach. Die Schale steht neben einer Bank. Beide entziehen sich einer vernünftigen Nutzung, beide sind in ihrer Dimensionierung dem Menschen nicht angepasst und trotzdem verweisen sie auf die Tätigkeit, das Tun des Menschen. Ein Mörser oder Messer in einer anderen Schale, was kann man damit schaffen, wer kann das halten? Ergänzungen von formen, aus Halbkreisen vielleicht oder Quadraten. Die gegenseitigen Bezüge und Verweise werden nach und nach deutlich. Und dann trifft es dich mit einem Schlag, ja, so einfach und warum habe ich das nicht gesehen? Begriffe, die ihn bewegen: Zeit, Ruhe, Klarheit, Einfachheit, aktiv, nicht reaktiv. Form follows funktion in der Kunst? Fraglich.

Als wir in einem Lokal in Porto Venere zusammen sitzen, ein köstliches Focaccia essen und kaltes Kastanienbier trinken, erzählt Ulrich Müller mir von einem anderen künstler, mit dem er gerne im bogen ausstellen würde, er habe mit ihm schon zusammen gearbeitet, allerdings noch ausgestellt. Keine Frage, wenn man Uli kennen gelernt hat, er redet keinen Mist, dann muss der andere Künstler seine Qualitäten haben. Also Zusage, das geht.

So kommen wir zu Werner Cee. Angekündigt konnten wir uns gar nicht vorstellen, dass er wirklich kommt, seine Arbeiten bei uns präsentiert. Glücksfall. Da steht am Samstag ein Mann im Raum, der genau hinschaut, mit ruhigen Bewegungen seine Arbeit macht, gezielt und bewusst. Was er sagt hat Hand und Fuß, er muss niemandem etwas beweisen, er ist ja da. Seine Arbeiten sind da. Diese Verbindung von Klang und Bild, von Musik und Film reißt mit. Ein Lesepult wird zu einem Klangmöbel umgebaut, ganz unspektakulär, aber effektiv. Eine viertel Stunde mit Kopfhörern diesen Film schauen und in einer anderen Welt sein. Nein, vielleicht in einer absolut vertrauten, die Störungen aufweist, die immer etwas fraglich bleibt. Phänomene werden da beobachtet und einer Klangkulisse gegenüberstellt, ein Soundtrack zu unserem Leben, zu unseren Befürchtungen. Klänge werden in den Raum entlassen, Gedichte „ Trails und Cloudsongs“ von Bettina Obrecht schwirren uns entgegen. Mal weich, mal in voller Härte, geschrieben für den Sprecher Nevill Trenter, Puppenspieler. Ich würde diese Soundcollage  gerne über lautstarke Boxen im ganzen Haus ausgebreitet wissen, so dass man nicht daran vorübergehen kann. Möglichkeiten werden uns hier an die Hand gegeben, zu Auge und Ohr gereicht. Mögliche Wege, Offenheit von Weltsichten. In einer domestizierten Welt , bleiben uns nur Wege zu gehen. Wir müssen damit zurecht kommen.

Dann, Werner Cee hat hinter einer Wand gelötet,  werden die Leuchtkästen plötzlich angeschaltet, und die Bilder, diese spektakulären Fotoüberlagerungen fangen an zu leben. Drei schwarzweiße Arbeiten ergeben ein Triptychon, ein Bildmodus, der eigentlich katholisch rituellen Charakter hatte, der von der Moderne ins säkulare Leben geholt wurde, erfährt hier tatsächlich eine fast sakrale Neubelebung. Erinnerungen werden wach und jedesmal, wenn ein Zugang gefunden scheint, wuchert er ganz schnell wieder zu. Diese Bilder haben einen traumatischen Charakter und zeigen das Herdenwesen Mensch, nicht das Individuum. Dabei wird es egal, ob diese Fotos von letzten Papstbesuch stammen oder vielleicht von einer Loveparade. Wer die Alexanderschlacht von Altdorfer kennt, sollte sich diese Bilder mal genau ansehen.

Warum konnte diese Ausstellung so funktionieren? Jeder Künstler hat seine eigene Sprache, und jeder lässt dem anderen diese. Die beiden lassen sich gegenseitig aussprechen und zeigen uns so verschiedene Facetten unseres Seins auf.