2012 – Licht aus – Malerei – Karl Hosse

Vor einigen Jahren hat Karl Heinz Hosse bereits einmal hier ausgestellt, damals referierte noch unser inzwischen verstorbener Freund und Kollege Peter Meilchen. Man hätte die Rede wahrscheinlich einfach übernehmen können, weil sich vielleicht niemand mehr daran erinnert, interessanter halte ich jedoch den Versuch, einen eigenen Zugang zu finden.

Als gestern in Dortmund die aktuelle Ausstellung von Stephanie Neuhaus und mir eröffnet wurde, sagte die Kuratorin Angelika von Ammon, sie wolle die Anwesenden nicht mit meine sehr verehrten Damen und Herren ansprechen, stattdessen fing sie einfach so an, und bemerkte in einem Nebensatz, sie sind nicht verehrt, sondern da und das ist wichtig.

Ich beginne trotzdem ganz klassisch:

Willkommen in der Siegener Artgalerie

Zu einer Ausstellung gibt es ein Thema, hier ist es Licht aus. Für die Rede muss man sich einen Aspekt wählen und ich konnte mich definitiv nicht entscheiden – deshalb stelle ich zwei Leitmotive voran.

  1. Weil der Fluss seiner Energie die Struktur schafft

Oder

  1. Karl Hosse – Kahos , ein Konzept?

Die Faszination des fließenden Erzählens, die Gewalt des Flusses namens Zeit, seine zerstörerische wie lebensschaffende Kraft nutzt der Künstler in seinem Werk. Die Zerlegung der zeitläufigen Realität wird ihm so zur Grundlage der Konstruktion seiner ästhetischen Realität. Die althergebrachten Elemente wie Linie und Formerfindung werden hier verdichtet zu einem Fließgleichgewicht. Die Linie sagt mehr, als zu sehen ist. Nun ist es völlig egal, woher diese Elemente kommen, denn man kann sie neu kompilieren, neu fügen – —zu einem neuen Ganzen. Was hier zunächst chaotisch anmutet, hat tief zugrunde liegende nervile Struktur. Chaos das in dem Heiß und dem Kalt, in Sexualität und Prüderie, im Feucht und Trocken in einen steten Streit gebunden ist. Wenn etwas Wirkliches wie ein Frauenkörper unwirklich erscheint und etwas Unwirkliches wie ein Wortfragment real in den Raum gestellt wird, dann ist er in seinem Element:

Ähnlichkeiten mit unserer täglichen Wahrnehmung entstehen keineswegs zufällig, ihnen liegt eine tiefere Struktur zugrunde. Sie sind der Ausdruck einer fast universellen Gesetzesmäßigkeit, ein Wechselspiel zwischen Unordnung und Aufräumen, dies sorgt für die typische Selbstähnlichkeit der Bilder. Fraktale Gebilde, deren Struktur sich im Großen und Kleinen immer wieder gleicht. Da können Turbulenzen eines winzigen abwegigen Gedankens zu zerstörerischen Bildstürmen anwachsen. Schmetterlingseffekt. Wenn es wallt und wogt, braust und zischt ist das Chaos am Werk. Dies genau die in Goethes Faust beschriebene Kraft, die Böses will und Gutes schafft. Seine Gesetzmäßigkeit sorgt letztlich dafür, dass nicht Formlosigkeit entsteht, sondern ein Bildgefüge, das in einander greift. Verständnisfäden verbinden die Fragmente zu schlüssigen Bildwelten.  Einzelwerke stehen im Kontext dieser Verbindung. Die Bilder mutieren und entwickeln sich zu eigenständigen Charakteren.

Da kniet ein Künstler im Dunkeln auf dem Boden, hört im Schweigen seiner Konzentration laute Musik und zieht mit Pinsel und Lackstift seine Bahnen und Spuren in eine fremd wirkende Leuchtfarbmasse.

Als winzige Monumente seiner subjektiven und trotzdem wahren Erkenntnis müssen Hosses Bilder betrachtet werden, um zu ihnen durchdringen zu können. Kein imposantes heroisches Denkmal wird gebaut, sondern ein fragiles Gebilde, das unser Mitdenken fordert. Eine subtile Frage an unsere Erlebenswelt. Keine soliden Einsichten in die Strukturen unserer Kommunikation und Gesellschaft, sondern untergründiges Hinterfragen von Materie und Organisation. Doch der Eindruck kann täuschen. Die Wahrnehmung wandelt sich permanent und lässt uns manchmal ratlos im Stich. Damit müssen wir uns stetig auf ein Neues nähern. Das Geheimnis dieser entstehenden Vielfalt liegt vielleicht an der hier nichtlinearen Nutzung von Zeitfragmenten. Hier kommt es nicht zu einer einfachen Addition, sondern zur Potenzierung. Man könnte sagen, dass diese Nichtlinearität erst die Schöpfung solcher Kunst möglich macht. Lassen sie sich in diesem Sinne auf Hosses Bilder ein, und wenn sie Bekanntes bemerken, wird es ihnen vielleicht im nächsten Moment schon wieder entzogen. Hosses Kunst ist ein intelligentes Spiel mit den Bildteilen, den Themen  und den Vorstellungen der Betrachter.